Dienstag, 12. Dezember 2017

Ayelet Gundar-Goshen "Lügnerin"

Nuphar Shalev ist ein unsicheres Mädchen, das in den Sommerferien als Eisverkäuferin arbeitet. Als aus einem Missverständnis eine Lüge wird und sie plötzlich im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit steht, scheint sie regelrecht aufzublühen. Doch die Lüge bleibt eine Lüge und sie lastet auf ihr. Kann sie wirklich damit durchkommen oder wird alles über ihr zusammenbrechen?
Ayelet Gundar-Goshens Roman „Lügnerin“ ist ein spannendes und hochinteressantes Buch über eine Lüge, die durch die erfahrene Aufmerksamkeit immer weiter wächst und fast außer Kontrolle gerät. Mit einem feinen Sinn für die Psychologie der Menschen beschreibt die Autorin das junge Mädchen und die stattfindenden Veränderungen. Ihr ganzes Leben scheint sich plötzlich in einem besonderen Licht zu befinden, während andere, die bisher dort standen, in den Schatten vertrieben werden. Gundar-Goshen bleibt die ganze Zeit neutral, sie bezieht keine Position für oder wider der Hauptfigur. Sie berichtet und beobachtet und betont gleichzeitig die Rolle, die die Medien und die Öffentlichkeit bei der Verbreitung der Lüge spielen. Es braucht eine gute Story und schon wird nicht mehr hinterfragt, die Geschichte breitet sich aus und ist nicht mehr zu stoppen.
In „Lügnerin“ legt die Autorin auf beeindruckende Weise dar, wie die öffentliche Aufmerksamkeit Menschen verändern kann. Nicht plump und offensichtlich, sondern psychologisch äußerst fein und raffiniert zeigt Gundar-Goshen die Anfälligkeit des Menschen für Interesse an seiner Person und den Wunsch nach Zuspruch. Nuphar tritt aus ihrer bisherigen Existenz heraus und erst durch die Lüge wird sie „jemand“.

Ayelet Gundar-Goshen hat mit „Lügnerin“ einen eindrucksvollen psychologischen Roman geschrieben, der perfekt in die aktuelle Zeit passt und unbedingt gelesen werden sollte. 

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Donnerstag, 7. Dezember 2017

Klaus Cäsar Zehrer "Das Genie"

Boris Sidis hat einen steinigen Weg hinter sich, als er Ende des 19. Jahrhunderts aus der Ukraine nach Amerika kommt. Doch er ist klug und sehr belesen, eine einzigartige Karriere liegt vor ihm. Als er Vater wird, will er seinem Sohn die Chance geben, sein Können vollkommen auszuschöpfen und beginnt bereits als Baby bei ihm mit der „Sidis-Erziehungsmethode“, die auf ständige Bildung und Lernanreize setzt. Wie erhofft, entwickelt sich sein Sohn zu seinem Wunderkind, doch ganz wider Erwarten weiß sein Sohn dies nicht zu schätzen und rebelliert auf eine ganz eigene Weise.
„Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer hat mich sehr berührt und gleichzeitig mitgerissen. William James Sidis, genannt Billy, ist ein Kind in einer falschen Welt, das nie dazugehört und immer der Überflieger ist, ein Wunderkind, das selbst unter Wunderkindern noch einen besonderen Platz einnimmt. Sein Vater nutzt ihn als Vorführungsobjekt seiner Erziehungsmethode und will so das Bildungssystem revolutionieren, dabei verliert er die Bedürfnisse seines Sohnes völlig aus den Augen. Zu keinem Zeitpunkt darf Billy Kind sein, ständig ist er gefordert. Obwohl ihm das augenscheinlich Freude bereitet, zeigt der Autor auf sehr feinfühlige Weise, wie Billy Stück für Stück von einem Genie zu einem Wunderling kippt, der seinen Platz in der Welt nicht findet. Vollkommen auf Wissen und Bildung ausgerichtet fehlt ihm jegliche Sozialkompetenz, die ihm das Leben erleichtern könnte und so scheitert er immer wieder an der Umgebung und seinen Erwartungen an Sie.

Klaus Cäsar Zehrers Roman „Das Genie“ ist ein beeindruckendes Buch, die fiktionale Erzählung einer wahren Geschichte über ein Wunderkind, das eigentlich nichts mehr sein möchte als normal. Das ist so berührend und gleichzeitig auch spannend, dass man Zehrers Roman kaum noch aus der Hand legen kann. Mit Billy Sidis habe ich gelacht und gelitten und ich hoffe, das werden noch viele Leser tun. Es lohnt sich. 

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Dienstag, 5. Dezember 2017

Uwe Timm "Ikarien"

Michael Hansen ist der Sohn deutscher Auswanderer in den USA. Im Jahr 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wird er als Soldat nach Deutschland geschickt. Er soll mehr über einen Nazi-Arzt und das durchgeführt Eugenik-Programm der Nationalsozialisten herausfinden. Doch die Rückkehr nach Deutschland beschäftigt ihn und er bleibt unsicher angesichts der alten Heimat.
Uwe Timm konnte mich mit seinem Werk bisher immer begeistern, egal ob kurz und unterhaltsam wie in „Die Entdeckung der Currywurst“ oder umfassend und gesellschaftskritisch wie in „Morenga“, stets hatte er den richtigen Tonfall und eine gute Geschichte zu erzählen. Das fehlte mir leider bei „Ikarien“ an vielen Stellen. Die Idee fand ich sehr spannend und Michael Hansen ist eine kontroverse Figur, die die Geschichte stellenweise gut voranbringt. Doch in den Gesprächen mit dem alten Antiquar, der von seiner Zeit mit dem Eugeniker berichtet, gab es meiner Meinung nach viel zu viele Längen, die nichts zu der Geschichte beigetragen haben und zu sehr abschweiften. Auch die eigentliche Absicht Hansens, nämlich wirklich Informationen zu sammeln und etwas herauszufinden, gerät in den Gesprächen für mich zu sehr ins Abseits.

Für mich fehlte Uwe Timms Roman „Ikarien“ ein roter Faden, der die im Ansatz großartige Geschichte vorangebracht und strukturiert hätte. So bin ich etwas ratlos zurückgeblieben mit einer Hauptfigur, die mich nicht erreichen konnte und einem Plot, den ich zu zäh und schwerfällig fand. Da wäre deutlich mehr drin gewesen. 

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Donnerstag, 30. November 2017

Deon Meyer "Fever"

In „Fever“ beschreibt Deon Meyer ein echtes Endzeitszenario: Ein mutiertes Fieber hat den Großteil der Menschheit getötet, nur wenige Personen waren immun und haben überlebt. In dieser Welt lebt der dreizehnjährige Nico Storm mit seinem Vater Willem. Dieser will an einem gut gelegenen Ort eine neue Gemeinschaft aufbauen, damit die wenigen Menschen wieder sicher gemeinsam leben können. Doch zahlreiche Probleme machen das Vorhaben schwieriger als gedacht und kosten sogar Nicos Vater das Leben. In diesem Buch erzählt Nico rückblickend von seinen Erfahrungen und wie er den Mörder seines Vaters suchte und nimmt den Leser mit in die neue Welt nach dem Fieber.
Deon Meyer war mir bisher bekannt durch seine Kriminalromane, daher war ich überrascht, dass der Autor sich auf ein völlig neues Feld begibt. Doch er meistert das neue Genre wirklich außerordentlich gut, mit „Fever“ ist ein hochspannender Roman entstanden, der einen als Leser von der ersten Seite an fesselt. Sowohl die Welt, in der die Menschen jetzt leben, als auch die Charaktere des Romans sind sehr gut beschrieben, so dass man sich das Szenario schnell lebhaft vorstellen kann. Alle Vorgänge und ihre Folgen sind außergewöhnlich gut durchdacht, die Story wird dadurch an keiner Stelle unlogisch oder konstruiert, was den besonderen Reiz des Romans ausmacht. Besonders Nico wächst einem schnell ans Herz und der Leser wird im Verlauf mit ihm erwachsen, auch wenn es viel schneller geht, als man es einem Jungen wünschen würde. Die Situation fordert viel von ihm und er kämpft sich durch, mit Menschen an seiner Seite die den Traum seines Vaters nach einer friedlichen und freien Gemeinschaft teilen.

Der Roman „Fever“ von Deon Meyer ist ein außergewöhnliches Buch. Die Story ist spannend und berührt einen durch den engen Kontakt zur Hauptfigur sehr, man kann sich gar nicht mehr davon loslösen und muss einfach immer weiterlesen. Ein tolles Buch, eine tolle Idee und dazu noch großartig umgesetzt: „Fever“ ist einfach uneingeschränkt zu empfehlen. 

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Dienstag, 28. November 2017

Kristin Hannah "Die Nachtigall"

Die beiden Schwestern Vianne und Isabelle leben in Frankreich unter der deutschen Besatzung während des zweiten Weltkriegs. Doch während die junge rebellische Isabelle sich der Résistance anschließt, um die Deutschen zu bekämpfen, hat Vianne nur einen Wunsch: Gemeinsam mit ihrer Tochter Sophie überleben und ihren Mann Antoine wiedersehen, der in deutscher Kriegsgefangenschaft ist. Die beiden unterschiedlichen Frauen gehen jede ihren eigenen Weg. Doch darf man wegsehen, bei all dem was um einen passiert, um die Liebsten zu schützen? Und darf man wiederum diese Menschen in Gefahr bringen, um wildfremde Personen zu retten? Vianne und Isabelle müssen sich diese Fragen immer wieder stellen, denn die Zeiten in denen sie ums Überleben kämpfen sind hart.
„Die Nachtigall“ von Kristin Hannah ist eine wunderbare Geschichte über Liebe und Leidenschaft, den Kampf in schweren Zeiten und die Stärke, die auch besonders von den daheim gebliebenen Frauen während der deutschen Besatzung in Frankreich ausging. Mit einer beeindruckenden Stimme lässt die Sprecherin Luise Helm den Hörer an Viannes und Isabelles Leben teilhaben. Sie nimmt sie mit auf eine lange und schwierige Reise der beiden Frauen, die einen einfach nicht mehr loslässt, wenn man sich einmal auf sie eingelassen hat. Das Hörbuch ist mit über 18 Stunden sehr umfangreich, aber ich bin sehr froh, dass man die Geschichte nicht verkürzt hat, denn so wie sie ist berührt sie einen und man kann die Charaktere und Probleme voll erfassen.

Mir hat „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah als Hörbuch ausgesprochen gut gefallen, eine wunderschöne und bewegende Geschichte über zwei sehr unterschiedliche, aber dennoch beides sehr starke Frauen. 

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Donnerstag, 23. November 2017

Edward St Aubyn "Dunbar und seine Töchter"

Dunbar führt ein Firmenimperium, als er von seinen Töchtern Abigail und Megan entmachtet werden soll. Sie setzen ihn unter Drogen und entführen ihn nach England in ein Sanatorium, wo er als angeblich psychisch krank behandelt wird. Doch seine dritte Tochter Florence glaubt nicht an die Geschichte und versucht, ihren Vater vor den grausamen Schwestern zu retten. Ein Kampf um Macht, Einfluss und die Familie beginnt.
Mit „Dunbar und seine Töchter“ veröffentlich Edward St Aubyn seinen Beitrag zum Hogarth Shakespeare Projekt mit einer Neufassung von „König Lear“. Unabhängig von der Nähe zur Originalvorlage finde ich seine Umsetzung jedoch nicht sehr gelungen. Für mich sind Intentionen und Gefühle der handelnden Personen nicht richtig deutlich geworden, die Charaktere bleiben schemenhaft und unklar in ihrer Motivation. Die zwei Schwestern werden als bösartig beschrieben, Florence hingegen als die Gute. Doch das ist mir alles zu schwarz-weiß und auch die anderen Figuren bleiben seltsam flach und ohne Bezugspunkte. Die Handlung an sich ist spannend umgesetzt und die Verlagerung von „König Lear“ auf ein Unternehmen und darin stattfindende Zwiste ist zwar naheliegend, überzeugt mich in dieser Konstellation für jedoch nicht. Besonders der Schluss war mir eindeutig simpel und nicht gut genug durchdacht.
Der Stil des Autors ist zwar gut lesbar, doch die Charaktere und das Setting konnten mich einfach nicht überzeugen. Das ist schade, besonders da ich die Bücher des Hogarth Shakespeare Projekts bisher alle sehr gut fand. Edward St Aubyns „Dunbar und seine Töchter“ war für mich jedoch etwas enttäuschend, ich würde allen Lesern die anderen Bände der Shakespeare Reihe des Knaus Verlags eher ans Herz legen. 

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Dienstag, 21. November 2017

Martin Walker "Grand Cru"

Ein großes amerikanisches Unternehmen will sich in Brunos geliebtes Saint Denis einkaufen. Ein riesiger Weinanbau-Konzern soll dort entstehen, der tausende Liter mittelmäßigen Wein für den Massenkonsum produziert. Polizist Bruno ist skeptisch, doch der Bürgermeister ist begeistert von den Möglichkeiten, die sich für die Region bieten. In dem beschaulichen Tal geht es heiß her zwischen den verschiedenen Interessengruppen, bis in einem Weinfass eine Leiche gefunden wird. Würde jemand so weit gehen, um seine Pläne durchzusetzen?
Brunos wunderschönes Périgord gerät in Aufruhr in diesem Band, der mehr wie ein beschaulicher Roman daherkommt als wie ein echter Krimi. Es geht um gesellschaftliche Konflikte, Naturschützer gegen moderne Forschung, junge Ideen gegen alteingesessene Erfahrung. Es macht wie immer Freude, mit Bruno durch das Périgord zu wandern, zu essen, zu feiern und natürlich auch zu ermitteln. Wer einen schnellen und explosiven Krimi erwartet, könnte von Martin Walkers zweitem Bruno-Band „Grand Cru“ etwas enttäuscht sein. Doch wer die langsame Erzählung von Walkers Romanen bereits kennt und liebt, wird auch hier wieder begeistert sein. Die Beschreibungen von Land und Leuten sind essentiell für Walkers Erzählung und das Gefühl, selber mit Bruno unterwegs zu sein, ist Grundlage dafür, dass ich mich immer wieder so für die Bruno-Krimis begeistern kann.

Auch wenn Martin Walkers „Grand Cru“ kein hochspannender Krimi ist, hat der Autor rund um Bruno, den Chef de Police, wieder eine wunderbare Geschichte geschaffen, die einen als Leser direkt mit ihn die wunderschöne französische Landschaft reisen lässt. Ein echter Krimi für Genießer, die nicht nur die schnelle Spannung suchen. 

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